Pilvi Takala

Pilvi Takala: Real Snow White (2009)

Soziale Normen und Kontrolle, deren vermeintliche Überschreitung und die vielen ungeklärten, versteckten Fragen dahinter sind zentrale Elemente in den Performances und Videoarbeiten der Finnin Pilvi Takala. So erregt sie in Real Snow White (2009) als «authentisches» Schneewittchen im originalen Disneykostüm im Eingangsareal vom Disneyland Paris Aufsehen: Kinder posieren mit ihr, sie verteilt Autogramme, kommt ins Gespräch. Schnell wird das Sicherheitspersonal auf sie aufmerksam, fordert sie auf, das Kostüm abzulegen — ein externes Schneewittchen lässt die Traumproduktion außer Kontrolle geraten, Angst vorm «Realen» bricht in die Fantasywelt ein. Trotz Ermutigung des Vergnügungsparks, Kostüme und Merchandisingartikel zu erwerben, dürfen nur Kinder sich für den Parkbesuch verkleiden. Und der Disneyslogan Träume werden wahr meint nur exklusiv von Disney produzierte Träume.

Im Video Easy Rider (2006) fordert ein von der Künstlerin angestellter Schauspieler in der Straßenbahn einzelne Fahrgäste auf, ihm mit Kleidungsstücken für ein Bewerbungsgespräch auszuhelfen oder zu überprüfen, ob eine CD eine angebliche Präsentation enthält, die er gleich halten muss. Mit teils hanebüchenen Geschichten und unter den Augen der anderen Fahrgäste wird ausgelotet, wie weit die Hilfsbereitschaft einem völlig Fremden gegenüber geht und welche Fähigkeiten es braucht  — Dreistigkeit, eine überzeugende Selbstdarstellung und ein herausragendes, Aufmerksamkeit erheischendes Schauspiel —, um sein Gegenüber um den Finger zu wickeln.

Robert Hagmeister (18.10.2016)