Stefan Panhans

Stefan Panhans: Sorry (2010)

Stefan Panhans (Hamburg/Berlin) betreibt eine Art «mentale Archäologie», die in den Sedimenten menschengemachter, zeitgenössisch-mediengeprägter Selbstdarstellung und Selbstoptimierung schürft, ohne die unser Verlangen nach Beachtung offenbar nicht befriedigt werden kann. Statischer Kamerablick, keine Filmschnitte.

Im Video Pool (2004) hält eine junge Frau in einem am Waldrand parkenden Auto bei Vogelgezwitscher einen Monolog mit einem imaginären Gesprächspartner, um diesen für eine im Unklaren bleibende Tätigkeit anzuwerben: Er möge sich bei allen Erfolg versprechenden Stereotypisierungen «da draußen» nicht verbiegen oder verlieren: «Sei einfach nur ganz du selbst!».

Die Videoarbeit SORRY (2010) spielt in einem überfüllten Zugwagenabteil. Rastlosgeschäftige, ermüdete, schweigsame Personen, eigenartig abwesend, mit seltsamem Gepäck bewaffnet wie nach einer Kaufhausplünderung, führen fast ritualartige Handlungen aus, deren Sinn nicht wirklich erkennbar ist. Und sind unter den Fahrgästen nicht auch Jonathan Meese, Karl Lagerfeld, Lady Gaga, Johnny Depp, Michael Jackson, Lara Croft, Amy Winehouse und «Brangelina» — oder wenigstens deren halbprofessionelle VIP-Look-alikes? Ein Dirndlmädchen (oder ihr Geist) aus den 1930ern, ein Joggingzombie, zwei Polizisten in Vollmontur, das Militär, viele XXL-Coffee-to-go-Becher: Die Szenerie albtraumhaft, befremdlich, sureal, doch Versatzstücke aus unserer (hyper)medialen Gegenwart sind unverkennbar in diesem Gruppenporträt als Collage und Sittenpanorama unseres Zeitgeists.

Robert Hagmeister (18.10.2016)