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Believe It or Not

19. Mai bis 11. August 2013

Ausstellung der Stipendiaten des 18. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar:

Ana Mendes (PT)

Shiblee Muneer (PK)

Naufús Ramirez-Figueroa (GT)

sowie der HALLE 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig:

Txema Novelo (MX)

Chan Sook Choi (KR)

Naufús Ramirez-Figueroa

Naufús Ramírez-Figueroa: Artifacts of Language, 2012-13

Stipendiat des 18. Internationalem Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar | Künstler der dazugehörigen Ausstellung "Believe It or Not"

Der in Vancouver (Kanada) lebende Guatemalteke Naufús Ramírez-Figueroa untersuchte unter Einbeziehung eigener Erlebnisse die Bedeutung der Religionen heute und entwickelte dazu eine Performance. Der Video-, Installations- und Performancekünstler ist Sohn eines ehemaligen Guerillakämpfers im Guatemaltekischen Bürgerkrieg (1960–96), der seit 1954 auf Betreiben der USA initiiert wurde, um einer vermuteten kommunistischen Bedrohung aus Zentralamerika vorzubeugen. Seine Kunstwerke spiegeln die Erlebnisse seiner Kindheit, wie politische Gewalt und die Erfahrung als Flüchtling in Kanada, wider. Poesie, Folklorismus, Homosexualität, die Politik des Essens und magische Praktiken sind weitere seiner Themen.

Naufús Ramírez-Figueroa ließ – als Überlebender eines Genozids – in Buchenwald ein klang-volles und doch stilles filmisches Werk namens „Artifacts of Language“ („Artefakte von Sprache“, 2012-13) entstehen, in dem seine eigene Stimme essenziell ist: eine Videoinstallation aus acht bogenförmig angeordneten TV-Geräten mit kurzen Blicken und Ansichten in und um Buchenwald. In jeder gefilmten Sequenz schreit Ramírez-Figueroa – er  selbst ist unsichtbar – abstrakte Sprechsilben wie „eau“, „bo“, „la“, „currrr“ oder „sha“ in die Umgebung. Er filmt diese Kontaktaufnahme ebenso wie ihren Widerhall – das Ende der Sprache signalisierend und die (eigene) Unfähigkeit und Unmöglichkeit, den menschlichen Akt der Gewaltausübung zu beschreiben, eine Rückkehr zur Kindersprache: „Ich schreie zu den Wäldern, weil sie es sind, die die Zeugen sind. Die Wälder, die sich erinnern mögen. Das Ganze stellt auch eine Verbindung her zu meinen persönlichen Erfahrungen, als ich als kleines Kind Zeuge von Gewaltakten war, und meiner Unfähigkeit, Bilder und Gedanken in diesem Hinblick zusammen zu bekommen.“ Aktion und „Handlung“ ändern sich in den Videos permanent - Naufús Ramírez-Figueroa verwendet Filmfragmente von einer Sekunde Länge, um seine Schreie in einen musikalischen Takt (Beat) zu verwandeln.

Das Video „Caldo de Zopilote“ entstand 2012 in Guatemala und zeigt den Künstler, der eine Suppe aus dem Fleisch eines Truthahn-Bussards, den er tot aufgefunden hat, zubereitet. Dies kehrt die Beziehung zwischen Bussard und Mensch um, denn normalerweise isst der Bussard menschliches Aas. In Guatemala kann der Bussard eine Metapher für viele Dinge sein, in diesem Video steht der Bussard für eine militarisierte Machtenklave, die von der Armut, Angst und Ungleichheit des Landes überlebt.

Im Mai 2013 wurde José Efraín Ríos Montt, von 1982 bis 1983 Diktator und Präsident von Guatemala, wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt. Konservative Mitglieder der guatemaltekischen Gesellschaft haben es auf sich aufgenommen, den Genozid zu leugnen, den die Guatemalteken während des Bürgerkriegs erfahren mussten. Sie sagen, „Genozid“ ist etwas, was in Deutschland passierte oder in Rwanda, nicht aber in Guatemala. Ihr Motto ist „Wir Guatemalteken sind keine Völkermordnation. Es gab keinen Genozid.“ Als Gegenreaktion haben viele Überlebende des Krieges und der Massaker ihr eigenes Motto entwickelt: „Sí Hubo Genocidio“ / „Ja, es gab den Genozid“. Naufús Ramírez-Figueroa, selbst Leidtragender des Genozids, holt diesen Leitspruch auf einem Banner in die Galerie, flankiert von einigen nicht von ihm stammenden Dokumentationsfotos der Genozid-Leugner.

Die fünf von einem beweglichen Gefährt aus mit langer Belichtungszeit aufgenommenen fotografischen Bilder, aus denen die gezeigten Drucke „Forest Road“ („Waldstraße“, 2012) entstanden, wurden auf der Straße nach Buchenwald gemacht. Diese Serie wurde produziert, um darüber zu reflektieren, was es bedeutet, ein Tourist in einer Stätte wie Buchenwald zu sein, einem mit den Schmerzen und Qualen der Vergangenheit aufgeladenen Ort. Wie nähern wir uns ihm? Fahren wir in Touristenbussen schnell an ihnen vorbei, drücken nervös und unbeteiligt auf den Auslöser? Noch immer beherbergt der Wald Leben, das abstrakt geworden ist und hat seine eigene Botschaft mitzuteilen – unserem eigenen Zugang, unserer Einstellung und Betrachtungs-weise zum Trotz.

ACC Redaktion (27.04.2013)