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Believe It or Not

19. Mai bis 11. August 2013

Ausstellung der Stipendiaten des 18. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar:

Ana Mendes (PT)

Shiblee Muneer (PK)

Naufús Ramirez-Figueroa (GT)

sowie der HALLE 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig:

Txema Novelo (MX)

Chan Sook Choi (KR)

Shiblee Muneer

Shiblee Muneer: Miniaturmalerei, 2012

Stipendiat des 18. Internationalem Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar | Künstler der dazugehörigen Ausstellung "Believe It or Not"

Shiblee Muneer aus dem pakistanischen Lahore gehört der Patayla-Familie der Miniaturmaler an und ist Lehrer am National College of Arts seiner Heimatstadt, dem einzigen Institut weltweit, an dem die arbeitsintensive Technik noch im traditionellen Stil weitergegeben wird. Muneer visualisiert aktuelle Themen, technisch und formal basieren seine Arbeiten jedoch auf der klas-sischen Buch- und Albummalerei – jener Kunstform, die im 16./17. Jahrhundert auf dem indischen Subkontinent unter den Großmoguln ihren künstlerischen Höhepunkt feierte. Muneer thematisiert die Rolle der Medien in der Gesellschaft – ihre ständige Präsenz und propagandistischen Strategien sind von einer Gewalt geprägt, die sich psychologisch auf den Menschen auswirkt, ihn unruhig und rastlos werden lässt. Die damit verbundenen Fragen und Zweifel brachte Shiblee Muneer in zahlreichen Zeichnungen zu Papier. Zur dreizehnteiligen Miniaturmalerei-Zeichnungsreihe „Neo World Order“ sagt Shiblee Muneer: „Ich praktiziere die Kunst der Miniaturmalerei nicht nur, um die Tradition meiner Familie fortzusetzen; vielleicht führe ich einfach eine natürliche Handlung eines jedweden menschlichen Wesens auf und fort, um Erkenntnisse und Bewusstsein im Hinblick auf jene nächste Generation (ausgerüstet mit all den Eigenschaften dieses bestimmten Alters) mit neuem Leben zu erwecken. Das Anliegen meiner jüngsten Werkkomplexe kreist – mittels konzeptueller, formaler und sozialer, wahrnehmungsgebundener Wege – um die „Idee der Miniaturmalerei“. Ich untersuche den „königlichen Code“, die „royale Chiffre“ visueller Ethik (Miniaturmalerei), um neue Wege zu finden, damit ich sozusa-gen unter Gebrauch mir zugänglicher Materialien (meiner Lebensepoche) ein vergleichbares visuelles Erbe mit starker bildnerischer Wirkung produzieren kann. Neben den beiden Bildern „The Idea of Beauty“ (zwischen den Fenstern) hat Shiblee Muneer eine zweite dreizehnteilige Serie zur Ausstellung angeboten:

Zu seinen „Corrupted Mystical Sounds“ schreibt Shiblee Muneer: „Meine Arbeit dreht sich um meine Lebenserfahrungen und wie ich inmitten der durchtriebenen, gerissenen Reglementarien, die mich angreif- und verletzbar machen, überlebe. Wie kann ich derlei Forderungen und Ver-pflichtungen Folge leisten, die unsere Leben durchdringen, ob nun fühlbar oder unfühlbar, von denen ich glaube, sie sind das letzte Wort und ich existiere nicht mehr länger? Meine Arbeit ist meine eigene Welt, in der ich auf bescheidene Weise versuche, meine Ideen darzustellen (deswegen verwende ich Linien – eine minimale Quelle und Bezugsform visueller Handlung), und zwar als Metapher, um meinen Gedanken eine Stimme zu geben. Noch immer verkörpert für mich jede Linie, vielmehr als ein starres letztes Wort, eine Galaxis an Bedeutungen. Mit diesen Arbeiten stelle ich einen Aspekt zur Diskussion, den ich die ‚Ordnung des Lebendigen’ nenne, der über spirituelle, religiöse oder soziopolitische Wege untersucht und besprochen werden könnte. Es geht darum, wie wir, die Menschen (waagerechte Linien) – soziale Tiere oder fleischgewordene Götter – mit einer ethischen Ordnung (senkrechte Linien) umgehen und mit ihr spielen. Dieser Konflikt, diese Bewegung schafft einen Klang, der manchmal auf dem/das Land unseres sozialen Glaubens und Vertrauens widerhallt. Ich sehe mich selbst als jemanden, der mit einem Seitenblick aus spitzem Winkel auf diesen heiligen Streit blickt, welcher nur als ‚verdorbene mythische Klänge’ (‚Corrupted Mystical Sounds’) bezeichnet werden kann.“ Diese auch als „Math Pages“ bezeichnete Serie zeigt die gegensätzlichen Aspekte der Kunst Shiblee Muneers: Einfachheit und Komplexität. Ein Versuch, seine soziopolitischen, religiösen und persönlichen Überlegungen darzustellen.

Als Stipendiat und Gast Weimars wollte Shiblee Muneer im Städtischen Atelierhaus darüber nachsinnen, dass ihm der Kreis als das ideale Ausdrucksmittel erscheint: „Einen Kreis zu minimieren, ergibt letztendlich einen Punkt, und ohne Punkt ergibt sich keine Linie“, so Muneer. Weiterführend wollte er die bildnerisch-malerischen Mittel und Bedeutungen erforschen, die die „Reise eines Punktes“ ausmachen, bevor er als Kreis eine metaphorische Signifikanz Gottes darstellt und untersuchen, ob es dafür eine glaubhafte Untermauerung dieser zunächst bloßen geometrischen Form in der visuellen Sprache gibt. Tragischerweise lag sein Vater in Lahore kurz nach Shiblee Muneers aufgrund von Visaproblemen eh schon um Wochen verspäteten Weimarer Stipendienaufenthaltsantritts im Sterben, sodass er nach Hause zurückkehren musste. Zum Ausstellungsaufbau von „Believe It or Not“ verweigerten ihm die deutschen Behörden in Islamabad die Ausreise aus Pakistan, offizieller Grund ist der „Verdacht auf illegale Arbeitsaufnahme in Deutschland“. Deswegen und weil die Kunstwerketransportkosten in Pakistan in keinem Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten stehen (sprich sie sind sehr teuer), können wir Ihnen leider und ausnahmsweise lediglich Kopien jener Zeichnungen und Miniaturmalereien anbieten, die Shiblee Muneer, bereichert um weitere Arbeiten und Installationen, in Weimar gern gezeigt hätte, hätte er die Erlaubnis erhalten, ein zweites Mal nach Deutschland zu reisen. Der Antragsverkehr zur Genehmigung seines Visums (er wäre gemeinsam mit seiner Frau Noreen Rasheed angereist, die ebenfalls Künstlerin ist und immer wieder mit Shiblee Muneer zusammenarbeitet) wird mit Erlaubnis beider Künstler in einer Wandvitrine des Veranstaltungsraumes unserer Galerie gezeigt. Produzenten dieser zur Kunst erklärten Dokumentation namens „Image makes Reputation“ (Mai 2013) sind letztlich Shiblee Muneer und Noreen Rasheed in Kollaboration mit der Botschaft Deutschlands in Islamabad, der ACC Galerie Weimar und dem schlechten, erschaffenen Ruf Pakistans. Das Medien der Arbeit sind: Schwarze und weiße Geschichte, ein hypothetisches Vorgehen und Autorität.

Unter der Glasplatte eines großen Tisches laden zahlreiche Bilder zu einem kleinen visuellen Aufenthalt, einem Verweilen bei einigen Beispielen aus dem Oeuvre Muneers und der Geschichte der pakistanischen Miniaturmalerei ein. Einige der hier zusammen gefassten Bildkopien zeigen Reproduktionen historischer pakistanischer Künstler, einige zeigen historische Miniaturmalereien und einige der Malereien wurden von Shiblee Muneer konzipiert und gestaltet unter Ein-wirkung soziopolitischer und historischer Erfahrungen.

ACC Redaktion (27.04.2013)