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Die Ideale Ausstellung

23. August 2009 bis 25. Oktober 2009

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Oneida Community Mansion House

Oneida Community Mansion House

Die Oneida Community (1848-1880), deren Alltag fünfzehn historische Photographien illustrieren, war eine der am längsten währenden, ökonomisch erfolgreichsten und bekanntesten utopischen Unternehmungen in der amerikanischen Geschichte. Mit etwa 250 Mitgliedern lebte diese auf Religion basierte, sozialistische Kommune als Familie zusammen und teilte allen Besitz, alle Arbeit, Verantwortung und Liebe. Darauf beharrend, dass das Leben angenehm sein sollte, legten sie fest, dass sie den Himmel auf Erden erschaffen, um Eigennutz in jeder Form zu überwinden. Sie hofften, dass ihr Beispiel andere inspirieren würde, dasselbe zu tun.

Ihr Gründer und Führer war der Neuengländer John H. Noyes (1811-1886), der nach einer emotionalen Erfahrung des Wiedererwachens im Jahre 1831 religiös wurde. Noyes predigte eine radikale Art des Protestantismus, die unabhängig von den etablierten Kirchen war und die er Perfektionismus nannte.

Perfektionisten lehnten den Begriff der Erbsünde ab (dass Adams Schuld und Verderben vererblich sei und dass Menschen naturgemäß sündhaft seien) und übertrugen die Verantwortung für das Begehen von Sünden auf die Schultern des Einzelnen. Theoretisch konnte jemand, der es vorzog, nicht zu sündigen, und sich dementsprechend verhielt, den Status des Freiseins von Sünde erreichen - das wäre, theologisch ausgedrückt, perfekt.

Diesem Hauptgrundsatz des Perfektionismus fügte Noyes den Glauben hinzu, dass Jesus bereits vor langer Zeit wiedergekehrt wäre (die Zweite Geburt). Ein bedeutender Anteil der ersten Mission Christi - Absolution, Erlösung, Freisprechung von den Sünden - wurden dementsprechend ausgeführt. Mit vielen seiner Zeitgenossen teilte Noyes die Überzeugung, dass das "Millennium" bevorsteht (die Wiederkunft Jesu Christi und das Aufrichten seines 1000 Jahre währenden Reichs, der Herrschaft von Christus über Himmel und Erde, die vereinigt sind und denen das Jüngste Gericht bevorsteht, so wie es das Buch der Offenbarung prophezeit). Noyes glaubte, er könne die Ankunft dieses Ereignisses beschleunigen, indem er eine Gemeinschaft von Gläubigen formen würde, die: 1. die sozialen Praktiken der ersten Apostel wiederbeleben, die als eine Familie lebten und alles gemeinschaftlich besaßen ("Bibelkommunismus") und 2. der Sünde entgegenwirkten, indem sie das Gegenteil praktizierten. Die Oneida Gemeinschaft definierte Sünde als Egoismus. Deshalb war das Gegenteil von Sünde die vollkommene Selbstlosigkeit in jeder Handlung und in jedem Gedanken. Selbstlosigkeit, so wie die Gemeinschaft sie verstand, ist stets nach außen gerichtet. "Das Wohlergehen der Anderen zu missachten, ist Sünde", wie es einer von ihnen ausdrückte.

Als eine Familie zu leben bedeutete, dass alle erwachsenen Männer und Frauen Ehepartner miteinander sein würden. Ihr Ausdruck dafür war "Komplex-Ehe". Sie glaubten auch, dass das Leben kein Tal der Tränen sei. In der Erinnerung einer Person, die in der Gemeinschaft aufwuchs: "Die erwachsenen Leute schienen fast so versessen darauf zu sein, glücklich zu sein, wie sie es waren, gut zu sein."

Ihre Auffassung von persönlicher Perfektion durch selbstloses Verhalten war weder absolut noch statisch; es war vielmehr so, dass die Entwicklung jeder Person als permanenter Prozess angesehen wurde. Die Perfektion wurde auch nicht in einem rein spiritualistischen Sinn verstanden. Der Intellekt einer Person konnte zum Beispiel mit steigendem Wissen perfekter werden. In Folge dessen waren die Mitglieder der Gemeinschaft äußerst belesen und ungewöhnlich selbst-reflektierte Charaktere. Ihren eigenen Platz in der Historie befragend, wurden sie Gelehrte des Sozialismus und erkannten eine Einigkeit unter allen kommunitaristischen und kommunistischen Gruppen in Amerika, eingeschlossen die deutschsprachigen Rappiten, Zoariten und Inspirationisten (Amana), als essentiell an.

(A. Wonderley, Curator Collections and Interpretation, Oneida Community Mansion House)

Krocketspiel

"Ein Bild des Krockets, mit Personen beim Spielen und anderen, die zuschauen, wurde gestern aufgenommen", hieß es im Circular vom 24. Juni 1867. Krocket, eingeführt 1866, wurde zum Lieblings-Hobbyzeitvertreib der Gemeinschaft. Nach deren Regeln war es Männern nicht gestattet, ihre Kraft beim Spiel zu einem unfairen Vorteil zu gebrauchen - der Wettkampf wurde minimiert. Ende des ersten Jahres am Oneida-Bach hatte die Gemeinschaft den Wohnsitz auf dem ausgestellten Photo gebaut, eine dreistöckige Holzstruktur, die sie ihr erstes "Herrenhaus" nannte.

Gemeinschaftsorchester

Die Oneida Gemeinschaft liebte es, sich und seine Besucher mit musikalischen Darbietungen zu unterhalten. Als enthusiastische Autodidakten, lehrten sie sich selbst, gesanglich und instrumental aufzutreten und im Jahre 1863 (Datierung des Photos) hatten sie zwei Orchester, eine Blaskapelle und zahllose Chorgruppen gebildet.

Gruppenszene am Sommerhaus

John Noyes und Frauen der Gemeinschaft posieren vor dem eleganten Laubenpavillon, der auf der Rasenfläche des Herrenhauses 1864 gebaut wurde. Das ausgestellte Photo mit dem Titel "Sommerhaus und kurzbekleidete Gruppe" gab "einen Einblick in die Bekleidung, die für siebzehn Jahre bei den Frauen der Gemeinschaft sehr populär war" (Circular, 1. Juni 1865). Am Anfang der Existenz der Oneida Gemeinschaft im Jahre 1848 schufen Frauen diese markante Bekleidung, damit sie sich frei bewegen konnten. Als revolutionäre Reaktion auf die einschränkende Bekleidung jener Tage, inspirierte dieses Reformkleid die Pumphose (das Bloomerkostüm), das von Aktivistinnen der frühen Frauenrechtsbewegung getragen wurde. Zur selben Zeit versetzten die Frauen der Oneida Gemeinschaft der Eitelkeit einen mächtigen Hieb, indem sie ihr Haar kurz schnitten.

Betreuer und Gemeinschaftskinder

Die Kinder der Oneida Gemeinschaft lebten zusammen und wuchsen in ihrem eigenen Kinderhaus auf. Die Bildung und Einführung in die Religion der Jüngsten wurde in die Hände ausgewählter Kinderbetreuer gegeben, wodurch den Eltern - und im Speziellen den Müttern - Zeit für andere Arbeiten zur Verfügung stand. Zunächst hatte die Gemeinschaft nicht viele Kinder. Frauen, so glaubten sie, konnten nicht gleichermaßen wie Männer am sexuellen und sozialen Leben der Gemeinschaft teilnehmen, solange sie Personen mit ungewollter Schwangerschaft waren. Deswegen praktizierten sie eine Form der Geburtenkontrolle, die voraussetzte, dass der Mann seinen Höhepunkt zurückhielt.

Im letzten Jahrzehnt der Gemeinschaft unterzog sie sich einem der waghalsigsten Experimente in der menschlichen Erfahrung: einem systematischen Versuch, gute Menschen hervorzubringen. Als Anhänger Darwins vermuteten sie, dass Spiritualität genetisch so übertragbar sei wie jedes andere Merkmal. Wenn dies so sei, würde niemand anderes als die Mitglieder der Oneida Gemeinschaft als Spezialisten der Spiritualität besser dafür qualifiziert sein.

Deren Idee war es, geistlich hochstehende Menschen zu zeugen, von denen die Menschheit profitieren könne. Sie nannten ihr Programm "stirpiculture" (Stamm-Kultur) nach dem lateinischen Wort für Stamm/Bestand. Das ausgestellte Photo kommt aus einer Zeit (ca. 1874), als die Gemeinschaft viele Kinder oder "Stirpicults" als Ergebnis ihrer Eugenik-Bemühungen hatte.

John Humphrey Noyes

Eine Daguerreotypie (ca. 1840) ist die früheste bekannte Photographie von Noyes.

Drei Holzschnitte, die das Innere der Villa darstellen, aus einer Reihe von Artikeln von 1870, die in Leslie's Illustrated Newspaper, erschienen sind:

Die Bibliothek

Weil der Oneida-Perfektionismus geistiges Wachstum förderte, saugten die Gemeinschaftsmitglieder buchstäblich jedes Buch auf, jedes Journal, jedes Stück Wissen, dass sie von der Außenwelt erlangen konnten. 1870 erhielt die Bibliothek etwa 100 Journale und Zeitschriften und hatte einen Bestand von etwa 4.000 Publikationen, die die gesamte Spanne des menschlichen Wissens umfassten.

Der Buchhaltungsraum

Dieser Holzschnitt zeigt junge Frauen als Buchhalterinnen der Gemeinschaft. Hinsichtlich erhältlicher Jobs für Frauen innerhalb der Gemeinschaft, jedoch nicht in der äußeren Welt, setzte die Oneida Gemeinschaft die höchsten Standards für die Gleichberechtigung der Frauen im viktorianischen Amerika. Die Hauptbuchhaltung wurde zu dieser Zeit von einer Frau geleitet.

Ein Abend im Gesellschaftssaal

"Ein Abend im Gesellschaftssaal" zeigt einen Zuschauerraum, in dem die gesamte Gemeinschaft sich jeden Abend traf. Nach Vorbild eines Opernhauses hatte der Saal nichts kirchenartiges. Es war ein Raum für Menschen, die sich am Leben erfreuen wollten. Hier unterhielten sie sich und ihre Besucher mit Theater- und Musikaufführungen.

Photo der Gemeinschaftsarbeit "Bienen"

Die Szene der "Taschenbienen auf dem Rasen" ist dem Circular (19. Juni 1865) zufolge "interessant für einige Leute, weil sie aufzeigt, wie der Kommunismus Arbeit attraktiv macht". Beachten Sie den Mann, der aus einem Buch liest. Dieses Photo illustriert eines der Gewerbe der Oneida Gemeinschaft: Das Herstellen von Reisetaschen.

Gruppenportrait

Laut der Wochenzeitschrift der Oneida Gemeinschaft The Circular (vom 2. Juli 1863) wurde dieses ausgestellte Photo von "nahezu der gesamten Gemeinschaft … mit solch einer Klarheit und Genauigkeit, dass die Mitglieder leicht wieder erkannt werden können", aufgenommen. John Noyes steht im rechten Vordergrund. Betitelt mit "Gruppe Nummer 1", war dies ihr Lieblingsphoto. Die meisten dieser Photographien wurden von der Oneida Gemeinschaft als Souvenirs an Touristen verkauft. Von daher sind diese Aufnahmen Bilder der Eigenpräsentation und Werbung.

Die Verwendung der Mopp-Wringmaschine der Oneida Gemeinschaft

Die Erfindungen der Perfektionisten lieferten "die Basis für eine Gemeinschaftswirtschaft und füllten deren Wohnsitz mit arbeitserleichternden Geräten", befand Dolores Hayden in Seven American Utopias (Sieben amerikanische Utopien, 1976, Seiten 24-25). Solche Apparate "waren vielleicht die beste Werbung der Kommunitaristen". Erfindungen der Oneida Gemeinschaft konnten alles vom Wäschewaschen bis zum Entfernen von Kernen aus Maiskolben. Die Mopp-Wringmaschine (erfunden 1868) war ihre Lieblingskreation, weil sie die Überlegenheit ihres Arbeitssystems demonstrierte. Wann immer Männer sich in der häuslichen Sphäre der Frauen aufhielten, würden sie Hilfsmittel erfinden, um die Plackerei der Arbeit der Frauen zu verringern. Diese Photographie sollte zwei attraktive Wesensmerkmale des Bibelkommunismus dokumentieren: Mopp-Wringmaschinen und hübsche Mädchen (ca. 1875).

Zwei Photos von Gemeindemitgliedern mit ihrem Wohnsitz im Hintergrund

1. Die Südfassade der Villa (September 1871); John Noyes ist im weißen Mantel auf einer Veranda im linken Hintergrund zu erkennen

2. Die Ost- oder Frontfassade der Villa (ca. 1875). Utopistische Gesellschaften stellten ihre Wohnsitze oft als handfesten Beweis ihrer Errungenschaften bildlich dar. Mit der möglichen Ausnahme der Shaker konnte keine Gruppe die Stattlichkeit der Gemeinschaftsresidenz eines "Herrenhauses" wie dem der Oneida Gemeinschaft erreichen. Eigentlich war dies die zweite Villa, eine bleibende Ziegelstruktur im ruhigen, eleganten Stil einer Villa mit italienisch anmutendem Charakter. Gebaut 1862, sandte sie eine Botschaft an die amerikanische, im Bürgerkrieg verstrickte, Außenwelt: Hier herrschen Harmonie und Frieden, Achtbarkeit und Wohlstand.

Deckblatt von "Puck", einem New Yorker Humorblatt (26. Februar 1879)

Die Oneida Gemeinschaft fand aus verschiedenen Gründen ein Ende. Intern konnte man sich nicht darüber einigen, wer oder welche Institution die Führung des alternden John Noyes ersetzen sollte. Extern hatte sich die Welt geändert. Sie war, zum Einen, ein viel prüderer Ort geworden. Es war die Blütezeit der viktorianisch-häuslichen Werte und in den Vereinigten Staaten wurden unkonventionelle Eheverhältnisse nicht länger toleriert. Lokale Feindseligkeit brachte eine Gruppe von Ministern zum Ausdruck, die die "Zügellosigkeit" der Oneida Gemeinschaft beanstandeten. Die ausgestellte Abbildung zeigt sie mit Missbilligung und folgender Bemerkung auf die Oneida-Villa starrend: "Oh wie fürchterlich! Die hausen in Frieden und Harmonie und haben keine Kirchenskandale. Die müssen ausgerottet werden."

Marko Meister (17.09.2009)