THE BIG EASY: Relocating the Myth of the «West»

26.11. bis 28.12.2007

Zehra Ahmed (AU) | Kader Attia (FR, DZ) | Matthew Buckingham (US) | Deborah Kelly (AU) | Aleksandra Mir (IT, PL) | Mônica Nador (BR) | Julika Rudelius (NL, D) | Xabier Salaberria (ES) | Solmaz Shahbazi (D, IR)

Mitwirkung: Knut Birkholz (Rotterdam)


THE BIG EASY: Relocating the Myth of the «West»

The Big Easy_Kader Attia

Kader Attias Wandgemälde untitled (Kaaba) (2007) war keine flächige Schwarz-Weiß-Malerei, sondern eine räumlich-perspektivische Installation oder Illusion, die im Betrachter eine physische Wirkung erzeugte, ihn ins Werk einband, Desorientierung oder gar leichtes Schwindelgefühl verursachte. Die Wolkenkratzerlandschaft, durch die Eck-Konstellation noch „verräumlicht“, schwebte wie eine im Universum verlorene, nachzivilisatorische, entmenschte Geisterstadt durch die Nachwelt. Über ihr thronte die Kaaba, gleich dem grauen, mysteriösen Monolithen in Stanley Kubricks Odyssee im Weltraum.

Die Installation Permission to Narrate (2004) von Zehra Ahmed bezog sich auf Edward Saids Kritik an der Dominanz stereotyper Bilder vom fremden, nicht reformfähigen Islam. Ahmeds Arbeit forderte Freiräume für Gegenerzählungen, weswegen sie in einem dunklen Raum die Worte „Erlaubnis zum Erzählen“ auf Arabisch an eine Wand sprühte und darauf ein Musikvideo vom Tanz eines dunkelhäutigen, muslimischen Breakdancers projizierte, dessen weißes Kleid zur (bewegten) Leinwand wurde: das traditionell hochkulturelle Medium (arabischer) Schrift konfrontierte Ahmed mit der weltweit populären Ausdrucksform des (zunächst für den US-Underground typischen HipHop-) Tanzes.

Prägnant reflektierte Matthew Buckingham im digitalen C-Print The Six Grandfathers, Paha Sapa, in the Year 502,002 C.E. (2002/2003) den Versuch, Hegemonialansprüche zu legitimieren. Das Mount Rushmore National Memorial mit den von Ku-Klux-Klan-Künstler G. Borglum in Fels gehauenen US-Präsidenten Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt unweit des geografischen Mittelpunkts der USA, „Paha Sapa“, hatte einen heiligen Ort der Sioux, genannt „The Six Grandfathers“, vereinnahmt: Traditionsbeschönigung mittels kolonialistischen Bildersturmes – man ersetzte sechs fremde Vorväter durch vier eigene und erbaute den eigenen Tempel auf den Steinen eines anderen. Wie würde jene stolze Erinnerungsstätte der US-Demokratiegeschichte in einer halben Million Jahren aussehen?

Deborah Kelly kommentierte die massenmedial vorangetriebene Sexualisierung der westlichen Gesellschaft, den Mythos von der enthemmten und „freien Lust“, der zugleich eine sexuelle Desensibilisierung in einer „freien Welt“ nach sich zu ziehen scheint. Die Fotomontage Sucka (2007) – und ihre aufblasbare Schwesterskulptur – zitierten aus der Bildwelt der Sexspielzeuge und konterkarierten sie zugleich mit dem Motiv eines ebenso beliebten Fantasiegenres, dem Vampirismus. Für eine Wandgestaltung reproduzierte Kelly sämtliche erhaltene Spam-E-Mails, die für Penisvergrößerungen warben.

Aleksandra Mirs Performance First Woman on the Moon brachte 1999 die erste Mondlandung einer Frau zur Aufführung – am holländischen Nordseestrand. Einer minutiös vorbereiteten Dramaturgie folgend erreichte die Aktion – unter Mitwirkung vieler Menschen und Beobachtung mehrerer Fernsehsender – ihren Höhepunkt bei Sonnenuntergang: Auf einem aufgeschobenen Sandhügel platzierte Mir die US-Flagge. Neben Anspielungen auf Medienmanipulation, Sensationslust und Geschlechterfragen wurde einer der prägenden Mythen des Westens wachgerufen: der expansive technische Fortschritt.

Ziel des Vereins JAMAC (Jardim Miriam Arte Clube) und der in der Dokumentation JAMAC. PAREDES PINTURAS - the work of fine artist Mônica Nador (2005) von Ludmila Ferola vorgestellten Künstlerin Mônica Nador ist es, die Lebenssituation der Menschen im Viertel Jardim Miriam am Stadtrand von São Paulo mittels Kunst zu verbessern und ihnen durch Vermittlung grundlegender Fertigkeiten (Siebdruck, Typographie, Schreinerarbeiten u. a.) eigene Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand zu geben, wodurch nicht nur Wohnhäuser bemalt, sondern auch ihr Weltbild und soziales Bewusstsein erweitert werden.

Ausgangspunkt der Zweikanal-Videoinstallation Economic Primacy (2005) von Julika Rudelius war eine psychologische Checkliste: „Wie erkenne ich einen Psychopathen?“ Die beschriebenen Symptome ähnelten Merkmalen erfolgreicher Geschäftsleute: das Fehlen von Mitgefühl und moralischen Grenzen oder die manipulative Verwendung von Sprache. Die fünf selbstsicheren Männer ― ein Anwalt, PR-Agent, Medienberater, Millionär und Top Manager ― schienen, wenngleich von der Künstlerin über eine Freisprechanlage befragt, Monologe über Erfolg, Macht und Stellenwert und Omnipotenz des Geldes zu führen, die zwischen bloßen Inszenierungen in anonymen Geschäftsräumen und beinahe intimen Bekenntnissen zu eigenen Idealvorstellungen changierten.

Solmaz Shahbazi beschrieb in Teheran 1380 (2001) die Kapitale Irans, in der sich Modernität und Tradition auf komplexe Weise ineinander verschränken. Im Gesellschaftsporträt Good Times / Bad Times (2003) erzählten junge Teheraner von ihren Ansichten, Hoffnungen und Sorgen. Die Bevölkerungsmehrheit wurde nach 1978 geboren – dem Jahr der von Ajatollah Chomeini ausgelösten islamischen Revolution. Seit 1980 leben hier vier Mal mehr Menschen – inzwischen 12 Millionen. Warum ziehen so viele junge Leute in den Westen? Was motiviert zum Bleiben? Persepolis (2005), der dritte Teil der Teheran-Trilogie, stellte visuellen Eindrücken eine rein akustische Erzählung gegenüber, wobei ein Netz an Erinnerungen zur Stadt und ihrer Geschichte ausgelöst wurde.

Xabier Salaberrias Mobiliare basieren auf Interventionen in räumlich-sozialen Situationen. Es gilt, einfachste Mittel und Materialien zu nutzen und damit ein Maximum an sozialer Situation oder gar Möglichkeiten zu erwirken, die bis dato für ihre Benutzer im Verborgenen lagen – eine Bühne für ein Geschehen, dessen Dramaturgie nicht festgelegt ist. Nicht wichtig ist Salaberria, dass das Element oder die Installation Kunst ist, es ist das, was es zu sein scheint: eine Bank, ein Tisch, eine Bar oder wie im ACC ein Regal: Teil II eines ungebauten Projektes (2007).