Housecall - Hausbesuch

Dauer der Ausstellung: 23. Februar bis 14. April 1996

Liz Bachhuber (US/DE) | Monica Ross (GB)

Housecall - Hausbesuch

Liz Bachhuber | Monica Ross: Housecall - Haubesuch, 1996.

23. Februar bis 14. April 1996

Liz Bachhuber (DE/US) | Monica Ross (GB)

Monica Ross’ metaphorisches Wandeln zwischen Zeiten und Raumen glich einer „zeitlosen, virtuellen Werkstatt“ aus Video-, Licht- und Diaprojektionen. Langsam tastete sie sich an den vorhandenen Bau, seine Architektur, die Geräuschkulisse, Lichtverhältnisse und Dimensionen heran und erlebte seine Veränderung vom leeren Wohnraum zur ACC Galerie. Ihre Werkweise, eine Mischung aus ordinärer Erkundung (lesen, schreiben, fotografieren, Dinge sammeln, zeichnen) und intuitivem „Zuhören“ am Ort, dem „Warten“ auf den Raum, lies uns die Kunst nicht nur „erschauen“, sondern auch „erlesen“. Eine Passage in Walter Benjamins Aufsatz Einbahnstraße inspirierte sie zu Nummer 113 (1996). Drei  Träume, zwei davon „spielten“ in Weimar, ergaben eine surreale Bildmontage, mittels technischer Bildreproduktion des 20. Jahrhunderts mehrmals wiederholt und zunehmend verfremdet. Das bekannteste Motiv aus dem Goethe-Haus – die Türflucht – veränderte sich mit der Anwesenheit von Besuchern, deren Identität fragmentarisch ersetzt wurde – durch ihre Schatten als Bestandteil der Installation. Die Konfrontation von realem und reproduziertem Bild setzte die konventionelle Art zu sehen außer Kraft. Der Betrachter war auch Betrachteter, eine Trennung von Publikum und Kunst nicht mehr möglich. Die Fortsetzung von Nummer 113, Fragment 88 (1996), basierte auf einer ebenso bezifferten Aufzeichnung Benjamins zur Ästhetik, zu Farben in Gemälden und in der Atmosphäre. Ein projiziertes Bild zeigte lediglich zerrissene Papierfragmente des Goethe- Haus-Motivs, eine weitere Reproduktion, die man sehen, aber nicht berühren konnte und die andere Erfahrungen als jene mit bloßem Auge offenbarte. Die Projektion fiel auf ein neues Skizzenbuch mit leeren Seiten, das an ein altes, handgemachtes Buch erinnerte – ein Symbol künstlerischer Tätigkeit. Weimars Jahrhundert Überschwemmung im Frühling 1994 veränderte den Landschaftspark an der Ilm so stark, dass er plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand. Das Flüsschen hatte sich in einen strömenden See aufgelöst und dabei auch ein Stuck Weimarer Geschichte aufgewühlt. Als das Wasser zurückging, fanden sich neben Schwemmholz und Mull auch Kleidungsstucke, alte Zeitungen, Briefe und Kinderspielzeug in den Buschen und Baumen entlang des Flusses, Relikte der natürlichen Geschichtsschreibung, Zeugen von Turbulenzen unter Weimars Oberfläche, festgehalten im Hochwasser an der Ilm: Pegelstand (1994). Liz Bachhuber erinnerte sich, dass in ihrer Kindheit der Sperrmull in ihrem Heimatort in Wisconsin mit Traktoren mitten auf den zugefrorenen See geschoben und an Asten und Bäumen befestigt wurde. Im Frühling taute das Eis und der Mullhaufen sank krachend ins Wasser. Die Fische wurden besonders gut darin nisten können, sagten ihr die Erwachsenen – ein Anstoß für Bachhuber, in Brushpile (1996) den menschlichen Umgang mit der Natur und mit Dingen, die man loswerden will, zu reflektieren. Zander und Hechte schwammen in Deckennahe durchs Birkengeäst. Unter ihnen war Weimarer Sperrmull im Raum aufgeschichtet. Vom Burgplatz her war abends durch die Galeriefenster eine Krähenwand (1996) sichtbar – in den reifbedeckten Baumkronen des Ilmparks hockten im Winter Tausende Krähen. Abends flogen sie in die wärmere Stadt, morgens zurück in den Park. Jenes immer wiederkehrende Spektakel manifestierte sich in einer Tag für Tag veränderlichen Silhouettenwand auffliegender Vogel, deren Umrisse mittels natürlichen und künstlichen Lichts von außen wie innen jeweils schwarz oder weis sichtbar wurden. Kurz nach der Wende landeten viele Werkzeuge aus der DDR-Zeit im Sperrmull, für nutzlos erklärt, vom Fortschrittsglauben und Konsumrausch verschluckt. Bachhuber entriss diese von den Zeichen der Zeit geprägten Gegenstände dem „alten Eisen“ und bewahrte ihre verborgene Schönheit in einer Schatzkammer (1996) auf – teils poliert, teils vergoldet.