Panopticon

Dauer der Ausstellung: 17. Februar bis 17. April 1995

Uwe Kowski (DE)

Panopticon

Uwe Kowski: Panopticon, 1995.

Dauer der Ausstellung: 17. Februar bis 17. April 1995

Uwe Kowski (DE)

Uwe Kowskis Kompositionen wirken abstrakt, aber auch präzis geplant, spontan, aber auch bestimmt, feingliedrig, vielschichtig, dicht, üppig, komplex, aber nicht ohne Alternative fürs Auge, sich im assoziativen Orientierungslauf durch das System der Zeichen, Linien und Farbablaufe zu navigieren, detailreiche Elemente zu verknüpfen, um vielleicht „etwas von dem Fremden, Unbekannten, das uns so beunruhigt“ (Uwe Kowski) zu entdecken. „Kowski versteht Malerei als Option der Veränderung und Mehrdeutigkeit. Er malt nicht, um Dinge festzuhalten oder eindeutige Aussagen zu machen, sondern um dem Betrachter die Möglichkeit der permanenten Veränderung, der potenziellen Verwandlung und spielerischen Doppeldeutigkeit vor Augen zu fuhren.“ (Nils Ohlsen) Genoss „Panopticon“ einen Sonderstatus in Kowskis OEuvre? Unproportioniert und doch der menschlichen Anatomie entlehnt, platzierte der Leipziger (jetzt Berliner) Maler, Zeichner und Bildhauer Kopfe, Beine, Leiber und zunächst seltsam anmutende Wucherungen, körperliche Unmöglichkeiten, die menschlichen Ursprung erahnen, jedoch nur noch einen von der Natur so nicht vorgegebenen Torso übrig ließen, in Kohle gezeichnet oder als in Holz gehauene Objekte Trophäe III (1995) und Arm (1994) auf Rollwagen, Tische und Hohlbocke. Die Skulptur eines Kopfes wurde – in Erinnerung an einen Besuch der Gemächer des Dichterfürsten wahrend Kowskis Kindheit – als „Oberhaupt“ der Klassikerstadt zum Ordnungsspeicher, als Goethes Kinderzimmer (1994). Neben dieser künstlerisch- physischen Sezierung und Zerstückelung in vereinfachte menschliche Gebilde und nur begrenzt handlungsfähige, doch vermeintlich mit Leben erfüllte Fragmente, kam ein anderer Aspekt in Kowskis neuesten Werken zum Tragen: Mit der vor zwei Jahrhunderten von Jeremy Bentham entworfenen panoptischen Anlage entstand ein unerbittliches und wohldurchdachtes Gehäuse zur perfekten Einsperrung, ein Laboratorium der Macht, das Diagramm eines auf seine ideale Form reduzierten Machtmechanismus. Der 1984 verstorbene Pariser Philosoph Michel Foucault beschrieb in seinem Buch Überwachen und Strafen die Disziplinierung zu Zeiten der Pest Ende des 17. Jahrhunderts und Methoden der perfekten Machtausübung anhand von Disziplinierungsmodellen und Ordnungssystemen für Gefängnisse, Kasernen, Schulen und Krankenhäuser. Zunächst von ästhetischen Erwägungen der im Buch abgebildeten Bauplane, Grund- und Aufrisse von Gefängnissen inspiriert, aber auch um die ihn beschäftigenden Fragen des „Gefangenseins“, „Kontrolliertwerdens“, „Isoliertlebens“, der Handlungsunfähigkeit und Lähmung von einem anderen als seinem künstlerischen Standpunkt aus zu durchleuchten, begann Kowski bald, sich für die Hintergrunde der panoptischen Anlage zu interessieren. Durch permanente Sichtbarkeit und damit Kontrollmöglichkeit über das Individuum und seine Isolierung in Parzellen „sichert“ es das automatische Funktionieren der Macht ohne die früher angewandte körperliche Züchtigung. „Sein Prinzip ist bekannt: an der Peripherie ein ringförmiges Gebäude; in der Mitte ein Turm, der von breiten Fenstern durchbrochen ist, welche sich nach der Innenseite des Ringes öffnen; das Ringgebäude ist in Zellen unterteilt, von denen jede durch die gesamte Tiefe des Gebäudes reicht; sie haben jeweils zwei Fenster, eines nach innen, das auf die Fenster des Turms gerichtet ist, und eines nach außen, so dass die Zelle auf beiden Seiten von Licht durchdrungen wird. Es genügt demnach, einen Aufseher im Turm aufzustellen und in jeder Zelle einen Irren, einen Kranken, einen Sträfling, einen Arbeiter oder einen Schuler unterzubringen. Jeder Käfig ist ein kleines Theater, in dem jeder Akteur allein ist, vollkommen individualisiert und vollkommen sichtbar. (…) Im Außenring wird man vollständig gesehen, ohne jemals zu sehen; im Zentralturm sieht man alles, ohne je gesehen zu werden.“ Eine einfache architektonische Idee wird zur Machtmaschine, die schon optisch das Machtverhältnis deutlich macht. Außer der Geometrie und der Architektur braucht es keines physischen Instruments, um direkt auf die Individuen einzuwirken.