Kaltes Bett

Dauer der Ausstellung: 01. bis 23. Oktober 1994

Tom Fecht (DE)

Kaltes Bett

Tom Fecht: Kaltes Bett, 1994

Dauer der Ausstellung: 01. bis 23. Oktober 1994

Tom Fecht (DE)

Fragmente von Tom Fechts 1992 begonnenem, quer durch Europa angesiedeltem Langzeitprojekt „Denkraum – Namen und Steine" – großformatige Reispapierarbeiten (so genannte Milch- oder Steinhaute), Susanne Trappmanns Fotografien bisheriger Stationen von Installationen des Projekts im öffentlichen Raum (seit der documenta IX) und die Titelinstallation Kaltes Bett (1993) – bildeten das Gerüst der Ausstellung, die sich mit Sexualität und verletzter Liebe, verletzt in der Regel durch den frühen Tod des Partners,  auseinandersetzte. Fragmentartig entstand ein Bezug zwischen den durch AIDS aus dem Leben gerissenen Menschen, deren Isolation und Einsamkeit wie auch der Ignoranz oder Aufnahmebereitschaft der Öffentlichkeit gegenüber dem Tabuthema und dessen künstlerischer Verarbeitung, die ein Angebot zu Verantwortung und Toleranz war. Ein kaltes, eisernes Bett empfing den Betrachter – darauf schwergewichtige, teils von jahrhundertelanger Abnutzung gezeichnete Pflastersteine aus Granit und Basalt, auf deren Kopfseiten die Namen an AIDS gestorbener Menschen eingearbeitet waren. Kein Stein glich dem anderen, wie auch kein Mensch dem anderen gleicht. Fecht kannte die Geschichte jedes benannten Toten – des Säuglings, Handwerkers oder Rocksängers. „Wie oft habe ich vor deren Betten gestanden und musste zusehen, wie Menschen darin starben.“ Um den längst öffentlich gewordenen Körper des Einzelnen ging es ebenso in den Milchhäuten, die aus den Grundnahrungsmitteln Reis (Reispapier) und Milch (Kasein) sowie Schellack bestanden, einem traditionellen Fixiermittel der Archäologie. Milch war hier aber nicht nur Malmittel, sondern auch Metapher für Leben und Geburt. Die ersten Milchhaute waren biografische Schweißtücher über junge drogenabhängige Frauen und Mutter, die der Künstler wahrend ihrer Schwangerschaft kennenlernte, die aber noch vor der Geburt an AIDS verstarben. Später sollte ein „Atlas der Körperarchitektur“ aufzeigen, welchen Identitätsverlust allein das ausgefallene einzelne Körperteil für den Menschen haben kann. Dass Fechts „Denkraum“ aus Pflastersteinen, einem archaischen Straßenbaustoff, bestand, verband ihn mit seinen fotografischen Studien zu Körperarchitektur, die sich u. a. mit der „Begehbarkeit“ von Haut befassten. Die Milchhaute waren in diesem Zusammen hang ein transformatorisches Element, „die Verwesung des Fleisches an die Haltbarkeit der Steine koppelnd.“ (Dietmar Kamper) Pflaster hat wortgeschichtlich zwei Bedeutungen, als Heilpflaster und als Fußboden. Das Wort wurde früh entlehnt aus emplastrum (Wunderpflaster) und dann übertragen zu „Bindemittel für den Steinbau“. Eine Woche nach Ausstellungsende wurden durch Tom Fecht – in Zusammenarbeit mit der AIDS-Hilfe Weimar – im Fußgängerbereich der zentralen Weimarer Schillerstraße und damit unausweichlich – 15 „Namens-Steine“ zur gepflasterten Installation Dreizeiler für Weimar (1994) in öffentliches Straßenland eingelassen, in den Boulevardgrund „geschrieben“, um „den Tod wieder in die Stadt zu holen“. Die unspektakuläre Konfrontation der AIDS-Problematik mit dem Alltagsleben auf der Straße forderte Anteilnahme und Solidarität und ermöglichte persönliche wie kollektive Erinnerung an die Verstorbenen. Das sich mit jeder neuen Station verändernde Projekt, das ständig durch neue Namen AIDS-Verstorbener ergänzt wird, bezeichnet Fecht auch als „Memoire nomade“, als nomadisierendes Gedächtnis. Einen weiteren globalen Themenansatz, jenen um den Rohstoff Wasser, bildete Tom Fechts Installation Equilibrium – Sieben Versuche zur Schwerkraft (2008) in der ACC-Ausstellung „UNSTERN. SINISTRE. DISASTRO.“: Das interaktive Porträt-Projekt The Water Line (2007) lud dabei zu einem Glas frischem Leitungswasser ein. Wie das Glas auch gehalten wurde, die Schwerkraftlinie des Wassers blieb immer gleich und verwies über örtliche und persönliche Grenzen hinaus auf einen weltweiten Horizont. Der Zugang zu Trinkwasser ist ein Hauptrisiko für bewaffnete Konflikte der Zukunft. Das Projekt wurde als Vorschlag an das Nobel-Komitee Stockholm entwickelt, das sich zunehmend in der Prävention bewaffneter Konflikte engagiert.