Faustische Sichten

Dauer der Ausstellung: 02. bis 28. April 1994

Roddy Bell (NO)

Faustische Sichten

Roddy Bell: Faustische Sichten, 1994

Dauer der Ausstellung: 02. bis 28. April 1994

Roddy Bell (NO)

Im August 1993 lies sich, an historischer und stiller Statte, dem Weisen Saal des barocken Jagdschlosses Ettersburg, der in Oslo lebende, in Burma gebürtige Brite Roddy Bell zur Komposition eines beweglichen, grammophonartigen Klangapparates inspirieren, nachdem der Objektkünstler dem Weimarer Schrottplatz einen Besuch abgestattet hatte. Die von Bell im Saale gesammelten Staubkörnchen aus 250 Jahren Schlossgeschichte – darunter auch die Rußpartikel des unweiten Krematoriums vom ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald – sollten als ≪Soundtrack≫ die Klange vergangener und vergessener Zeiten wieder zu Gehör bringen. Eine ≪Staubnadel≫ kratzte sich, angetrieben von einem Gummizug, der um einen Flaschenhals gewickelt und der wiederum an einem Stuck Europalette fixiert war, rotierend durch den Staubkreis und wer wollte (und in jenen Weltminuten anwesend war), konnte für ein paar Sekunden Anna Amalias rauschende Kleider ebenso vernehmen wie die Anfeuerungsschreie der Schuler des Lietz-Landerziehungsheimes bei Wettkämpfen, das Staub aufwirbelnde Stiefelknallen der Offiziere der Roten Armee und das Klappern der Pensionarsspazierstöcke nach dem Mauerbau. Ein Jahr darauf findet Bell mehr Abfall – im Innenhof des ACC und im Studio ≪ Rubenlabor≫, dem damaligen Künstleratelier des ACC: Spiegel, Kohlen staub, Metallreste, eine ausrangierte, rosafarbene Tür. Und installiert damit, um sich der Idee des ewigen (Auf-)Strebens der menschlichen Natur zu nähern, seine Titelarbeit zur Ausstellung, den Apparat Faustische Sichten (1994). Spiegel, Kohlenschmutz und Gartenzäunchen am Boden bilden den Untergrund für die aufwärts gerichteten dünnen Aste, die in tapferem Schwung den Raum erobern und bis zur Barockdecke hinauf wachsen. Zwei glühende Lämpchen an der Spitze, die über farbige Drähte von einer Batterie im Kohlebett gespeist werden, fuhren die Bewegung der Skulptur weiter ins Licht. Sie erobern die Unendlichkeit und sehen doch aus wie lächerliche Funzeln einer abgewrackten Lichterkette. Der absurde Balanceakt des Weltverbesserers zwischen seelischer Größe und lächerlicher Verknöcherung beschreibt wohl am besten Bells künstlerische Sichtweise. Charakteristisch für die Lebenshaltung Fausts ist sein Streben nach Wissen über die Natur und die Kräfte des Universums. Bells künstlerischer Versuch, diese Kräfte zu begreifen, liest sich auch wie der Versuch, Goethes Haltung zum Faust zu interpretieren. Diese definiert Bell als Mischung aus der Bewunderung für sein geistiges Verlangen und der Unmöglichkeit und Absurdität seiner Suche (und natürlich seiner Arroganz). Bells Instrument zur Wiedergewinnung der Maßlosigkeit des Mondlichtes (1994) schien – im früheren Wohnhaus Goethes – einem ≪Faustischen Skizzenbuch≫ entlehnt. Hier konnte das Mondlicht, eine romantische Metapher, von einem Apparat eingefangen werden, der nicht mehr als ein improvisierter Aufbau eines mittelalterlichen Gelehrten sein konnte, der möglicherweise auch noch dem nächsten Versuch standhalt – ein Objekt, dessen Absurdität Paul Klees 1992 im selben Raum gezeigten Magnetischen Reagenzmesser für Frauen in nichts nachstand. Mit Klebstoffpistole und Bohrmaschine – seinen klassischen Werkzeugen – setzte Bell in kunstvoller Puzzlearbeit weitere, filigranere Installationen aus Schrott und gefundenen, vorher nutzlosen Gegenstanden zusammen zu Objekten zwischen Skulptur und Zeichnung, die er ≪Wand-Assemblagen≫ nannte. In der abstrakten Collage ging die frühere Identität dieser Gegenstände verloren, ihre Eigenart blieb jedoch erhalten. Die Kombination verschiedener Elemente kam ihrer Wiedergeburt in neuem Kontext gleich, hauchte ihnen neues Leben ein, wodurch selbst unansehnliche Materialien schon und gewählt erschienen. Klassische Proportionen bewohnten diese Arbeiten, Rhythmen wurden eingeladen und zum Kern einer poetischen Bildwelt. Metaphysiker Bell: ≪Ich glaube an die Einheit von Natur und Kunst.≫ Es sollte nicht sein letzter ACC-Auftritt sein.