Arbeiten auf Papier und Handtücher

Dauer der Ausstellung: 05. bis 31. März 1994

Peter Bauer (DE)

Arbeiten auf Papier und Handtücher

Peter Bauer: Arbeiten auf Papier und Handtücher, 1994.

Dauer der Ausstellung: 05. bis 31. März 1994

Peter Bauer (DE)

Den Umgang mit «Überbleibseln» aus deutscher Geschichte, dem Unbeachteten, Vergessenen, Verworfenen oder Weggeworfenen, dem Gewöhnlichen – Postkarten, Schnipseln, Fotografien, Filmspulen, Textfragmenten – befragte Peter Bauer fünf Jahre nach der Wende in Werken, die besehen, erlauscht und begriffen werden konnten, und begegnete Menschen als Trägern von Geschichte und Geschichten. Ausgangspunkt von Bauers polymateriellem Projekt h.e. Knietsch (1998) waren alte S /8-Schmalfilme aus den 1970/80ern in akkurat beschrifteten Plastikschachteln, gefunden 1995 unterm ACC-Dach: «Deren Titel, wie ‹Brigade X. Parteitag›, ‹Auffindung der Pulle / Knietsch / Weimar›, belustigten, weckten aber auch Interesse. Anscheinend von einem Amateurfilmer aufgenommen, zeigten sie unspektakulär z. B. Reiseaufnahmen im Harz, die Leipziger Messe, Brigadefeiern sowie drei Personen, unter denen sich offensichtlich auch der Filmer befand. Die Kamera streifte in einer Form von Nervosität und Nichtinnehalten über Stadt und Land und Mensch, vor allem aber über Nebensächlichkeiten, die das innere Auge des Betrachters in die Richtung eines ‹Restes› lenkte (unwichtige Ecken einer Landschaft, Ränder von Straßen, Liegengebliebenes u. a.). Damals beschloss ich, ein Publikum mit diesem Originalmaterial in Filmvorführungen zu konfrontieren, was mich anregte, nach darin auftretenden Akteuren zu forschen. Zwei von ihnen waren inzwischen verstorben und anonym begraben auf dem Weimarer Friedhof. Doch Herr Schuster aus Weimar lebte und war zu Interviews bereit, erzählte von Knietsch und dem Bier, der Kur, dem Böhme Karl-Heinz, den Fahnen, Demonstranten und der Kampfarbeit. Daraus entwickelte sich das Performancebuch Knietschs Welt (1998). Den Galerieflur dominierten audiovisuelle Modelle mit Geräuschen und Endlostextstücken wie Geschichte einüben (1997), Vogelstimmen (1997), Jutta (1997), Kosmonautenwitz (1993) und Baumärkte (1995), die visuellen Modelle Sylvia (1992) und Landschaft (1997), die manuell-visuellen Modelle Vertrag (1993), Reise (1997) und Vor und hinter dem Firmament (1997) und das kinetisch-audiovisuelle Modell Die Tage werden länger (1996). Bauer bot weder Überblick noch Geschichte, die man beruhigt zur Seite legen kann, sondern lieferte bruchstückhafte zusammengewerkelte Denkstätten und Erfahrungsräume als Schaustücke und Materialcollagen aus Erinnerungsresten und Gedankenfetzen. Die Rauminstallation Erfahrungsaustausch (1998) mit Diaprojektion und Projektionsapparat kehrte Erinnerungsmechanismen nach außen. Karl Marxens Chemnitzer Kopf erschien langsam auf einer Wandfläche und verschwand wieder, eine alte Madonnenholzfigur illustrierte Geschichtsträchtigkeit. Ein zerlöcherter Lampenschirm produzierte ein Firmament auf den himmelblauen Wänden des Raumes Planeta (1997), akustisch zerschnitten von Schüssen und Granattreffern, wodurch das Sternenzelt ins Schwanken geriet, ein Universum aus Einschusslöchern imaginiert wurde. Kunstpflanze, steinernes Stühlchen und audiovisuelles Modell verstärkten die unsichere Wahrnehmungshaltung. Roter Stoff von Fahnen (1996 – 97) – unter Glas, auf Holz, teils mit Griff, zwischen Seile gespannt oder wie in Gang (1996) unter der Decke – wurde zum Träger raster- und klebebildartig aufgebrachter Kleinobjekte und flächiger «Verweisstücke». 49 collagierte Scherenschnitte in einer Mappe, platziert auf Tisch oder Wagen, machte Bekannte und Unbekannte (1997) für Bauer zum «Referenzmodell des andächtigen Arbeitens in einem stillen Raum» – ein Selbstbedienungsangebot für Einblicke der Besucher in die Welt der Namenlosen, denen Ein unscharfes Bild (s /w-Video, 1997), die Augensammlung (1996 – 97), die Gummiabgüsse (1997) und der Lichtkasten mit Spiegel Du, das Mädchen und Adolf Hitler (1997) weitere Perspektiven boten. Auf ausrangierten, metallenen Schultafeln, zu Leinwänden mutierten Geschirrhandtüchern und Reispapier hatte Bauer bereits 1994 weiße, schweigende Leere deponiert, von spinnwebfeinen, zerbrechlichen Gebilden in Balance und Atem gehalten.