Im Labyrinth der Zeichen

Dauer der Ausstellung: 07. Januar bis 03. Februar 1994

Wolfgang Zurborn (DE)

Im Labyrinth der Zeichen

Foto-Tableaus aus Im Labyrinth der Zeichen, 1991-93.

Dauer der Ausstellung: 07. Januar bis 03. Februar 1994

Wolfgang Zurborn (DE)

Die Ausstellung war eine Symbiose aus Arbeiten der spaten 1980er und neuen Fotocollagen. Schauplatze der 15 Momentfotografien Menschenbilder – Bildermenschen (1986 – 93) waren Massenveranstaltungen unterschiedlicher Art wie der Kölner Karneval, Straßenfeste und Open-Air-Festivals, Anti-Atomkraft-Kundgebungen und Friedensdemonstrationen oder der Papstbesuch. Die Ereignisse ähnelten sich in verblüffender Weise, da sie alle dem Gesetz des Spektakels unterworfen waren. Scheinbar zufällig wirkten jene Augenblicke, in denen das Ephemere und Akzidentelle banaler Alltagsrealitäten fixiert wurde. Die Verflechtung und Austauschbarkeit allgegenwärtiger, medialer Bildzeichen im realen Leben würden durch diese Aufnahmen deutlich gemacht. Erst dadurch wurde es möglich, so Zurborn, zu einer komplexeren Wahrnehmung von Wirklichkeit zu gelangen, die hinter der Eindeutigkeit der Mythen der Bilderwelt zu verschwinden droht. Gleichwohl galt Zurborns Interesse dem Verhalten des Menschen in der Masse. Doch handelte es sich weniger um ein soziologisch motiviertes Interesse, denn dem Fotografen lag weniger am individuellen Schicksal als vielmehr am kollektiven Verhalten des Einzelnen. Acht Foto-Tableaus aus der Serie Im Labyrinth der Zeichen (1991 – 93), die sich aus jeweils drei querformatigen Farbfotografien übereinander zu Farbbild- Türmen mit fast stelenhaftem Charakter zusammensetzten, gestatteten Einblicke in ein Labyrinth mit fast bildkriminalistischem Grundgestus, in dem sich das Auge in bruchstuckhaften Ausschnitten typischer Großstadtsituationen zu verirren glaubte. Seine Collage-Tafeln, die wie Schutzschilde gegen aufgenötigte bedeutungsschwangere Inhalte wirkten, kommentierte Zurborn so: ≪Fragmente realer Alltagswelten fuge ich so zu Bildcollagen zusammen, dass die Zeichen, Materialien, Flachen, Farben und Linien über die Grenzen der einzelnen Bildsegmente hinaus ihr eigenes Spiel beginnen. Starre Regeln wurden dem Betrachter bei diesem Bilderrätsel die Lust verderben, seinen neugierig fragenden Blick tastend über die ganze Bildfläche gleiten zu lassen. Deswegen vermeide ich vereinfachende Ordnungsschemata, die eine eindeutige Interpretation ermöglichen konnten. Der Sinn des Rätsels besteht darin, dass es keine Auflösung gibt. Die ersehnte klare Bedeutung ist nicht erkennbar, die einem doch das wohlige Gefühl vermitteln wurde, komplexe Zusammenhange in einfachen Bildern begreifen und sich somit die Welt gefügig machen zu können. Starke Ausschnitte, Unschärfezonen, Betonung von Flachen und Materialien sind die Bildmittel, mit denen ich eigenwillige Raume schaffe, die sich in der Kombination zu Labyrinthen verketten. Der Verlust der Orientierung im undurchschaubaren Zeichenwald unserer Konsum- und Mediengesellschaft kommt in diesen spürbar zum Ausdruck. ‹Was ist in diesen Bildern eigentlich real und was fiktiv, was ist natürlich und was konstruiert?› Diese Frage, die den Betrachter ständig begleitet, evoziert einerseits eine gesunde Skepsis gegenüber dem Wahrheitsgehalt dokumentarischer Fotografie, macht ihn andererseits aber auch resistent gegenüber den suggestiven Wirkungen von Bildern, die überwältigen wollen, indem sie gezielt nur Emotionen ansprechen.≫ Nichts passte mehr zusammen. Bildstörung. Die heiligen Dogmen vieler selbstherrlicher, technikbesessener Bildermacher wurden auf erfrischende Weise gebrochen. Wolfgang Zurborn durchkreuzte die gewohnte Funktion der Bilder in unserer Gesellschaft, die in unentwegter Unterhaltung, Kaufanreizen und Ablenkung besteht. Das Suchen und Enträtseln in diesen Arbeiten vermochte es, einen unerwarteten Freiraum im Kopf und ein damit einhergehendes Befragen der eigenen Befindlichkeit zu schaffen – vielleicht eine Art Resistenz gegenüber der allgegenwärtigen Konsum- und Wunschtraumwelt?